5.1 Gantt-Diagramm einsetzen | Drei blinde Flecken

5.1 Gantt-Diagramm einsetzen | Drei blinde Flecken

Kapitel 5 · 5.1 Zurück zu 5.0

5.1 Gantt-Diagramm einsetzen — drei blinde Flecken, die man kennen muss

Das Gantt-Diagramm ist das bekannteste Planungsbild des Projektmanagements, und es ist zu Recht bekannt: Reihenfolge, Termine und Abhängigkeiten zeigt es besser als jede Tabelle. Nur verbirgt es drei Dinge ebenso zuverlässig, und alle drei sind genau die, die in einem Mittelstandsprojekt den Termin kosten. Diese Seite geht beide Spalten durch — und die zwei Linien, ohne die ein Gantt-Diagramm gar nicht brauchbar ist.

Falls dies die erste Seite ist, die Sie öffnen Diese Seite gehört zu einer Reihe aus zehn Kapiteln und ist so geschrieben, dass sie für sich allein steht. Der Kapiteleinstieg ist 5.0; jeder Fachbegriff ist unten kurz und im Glossar ausführlich erklärt.

DAS WICHTIGSTE AUF DIESER SEITE

  • Zuverlässig sichtbar: Reihenfolge und Termine, Abhängigkeiten samt kritischem Pfad, und die Folge einer Verschiebung nach hinten.
  • Ebenso zuverlässig unsichtbar: wie ausgelastet die Menschen wirklich sind, wie fertig ein laufender Balken ist — und worauf gerade gewartet wird.
  • Wartezeit hat keinen Balken. Genau deshalb taucht sie erst auf, wenn der Termin schon weg ist. Das ist der Grund, warum es 5.2 gibt.
  • Brauchbar wird ein Gantt-Diagramm erst durch zwei Linien übereinander: den Basisplan und den aktuellen Stand. Wer den Basisplan überschreibt, statt ihn stehen zu lassen, hat kein Diagramm mehr, sondern eine Chronik.
  • Kann Ihr Werkzeug den kritischen Pfad nicht anzeigen, haben Sie keinen Terminplan, sondern eine Liste von Daten.

Was es zuverlässig zeigt

Fangen wir mit der Anerkennung an, denn sie ist verdient. Ein Gantt-Diagramm beantwortet drei Fragen besser als jedes andere Bild.

Reihenfolge und Termine. Was vor was kommt und wann etwas fertig sein soll — dafür wurde es erfunden, und das kann es hervorragend. Eine Tabelle mit Start- und Enddatum enthält formal dieselbe Information, aber niemand sieht darin, dass zwei Vorgänge parallel laufen oder dass zwischen zweien eine Lücke von elf Tagen klafft, für die keiner zuständig ist.

Abhängigkeiten und der kritische Pfad. Das ist der eigentliche Wert und wird am häufigsten verschenkt. Der kritische Pfad ist die Kette von Vorgängen ohne Puffer: Jede Verzögerung darauf verschiebt den Endtermin, jede daneben verschwindet im Puffer. Diese Unterscheidung entscheidet darüber, welchen von zwölf gleichzeitigen Rückständen Sie am Montagmorgen anfassen. Ohne sie behandeln Sie alles gleich dringend, was in der Praxis heißt: das, was am lautesten vorgetragen wird.

Die Folge einer Verschiebung. Rutscht ein Vorgang, zeigt das Diagramm sofort, was hinten mitrutscht. Das ist die Antwort auf die Frage, die in jeder Statusrunde gestellt wird und für die sonst niemand eine belastbare Zahl hat: „Und was heißt das jetzt für den Endtermin?“

Was ein Gantt-Diagramm zuverlässig zeigt, was es zuverlässig verbirgt, und die zwei Linien, die es brauchbar machen Zwei Spalten. Links, was ein Gantt-Diagramm zuverlässig zeigt: erstens Reihenfolge und Termine, also was vor was kommt und wann etwas fertig sein soll, wofür es erfunden wurde und was es sehr gut kann; zweitens Abhängigkeiten und den kritischen Pfad, also welche Verzögerung den Endtermin verschiebt und welche im Puffer verschwindet; drittens die Folge einer Verschiebung, denn wenn ein Vorgang rutscht, zeigt das Diagramm sofort, was hinten mitrutscht. Rechts, was es zuverlässig verbirgt: erstens wie ausgelastet die Menschen wirklich sind, denn ein Balken sagt nichts darüber, ob dieselbe Person gleichzeitig in drei anderen Balken steckt; zweitens wie fertig ein laufender Balken ist, denn ein Balken, der zu 60 Prozent hinter sich liegt, sagt nichts darüber, ob 60 Prozent der Arbeit getan sind; drittens, orange hervorgehoben, worauf gerade gewartet wird, denn Wartezeit hat keinen Balken und taucht genau deshalb erst auf, wenn der Termin schon weg ist. Darunter zwei Balken übereinander, nicht nebeneinander: der graue Basisplan als der Stand, auf den sich beide Seiten geeinigt haben, und darunter der orange aktuelle Stand als die Wirklichkeit, 110 Balkenlängen später. Die Lücke zwischen beiden ist die einzige Zahl, über die es sich zu reden lohnt. Als Kernsatz: Wer den Basisplan überschreibt, statt ihn stehen zu lassen, hat kein Diagramm mehr, sondern eine Chronik. Als Lesehinweis: die beiden Spalten oben gegeneinander lesen; die rechte untere Zeile ist der Grund, warum Kapitel 5.2 existiert, denn Wartezeit ist im Gantt unsichtbar und auf einem Board die auffälligste Spalte. Ein Gantt-Diagramm ist ein gutes Werkzeug mit drei blinden Flecken. Beide muss man kennen Was es zuverlässig zeigt Was es zuverlässig verbirgt Reihenfolge und Termine Was vor was kommt, und wann etwas fertig sein soll. Dafür wurde es erfunden, und das kann es sehr gut. Wie ausgelastet die Menschen wirklich sind Ein Balken sagt nichts darüber, ob dieselbe Person gleichzeitig in drei anderen Balken steckt. Abhängigkeiten und den kritischen Pfad Welche Verzögerung den Endtermin verschiebt — und welche im Puffer verschwindet. Wie fertig ein laufender Balken ist Ein Balken, der zu 60 Prozent hinter sich liegt, sagt nichts darüber, ob 60 Prozent der Arbeit getan sind. Die Folge einer Verschiebung Wenn ein Vorgang rutscht, zeigt das Diagramm sofort, was hinten mitrutscht. Worauf gerade gewartet wird Wartezeit hat keinen Balken. Genau deshalb taucht sie erst auf, wenn der Termin schon weg ist. Zwei Linien machen ein Gantt-Diagramm erst brauchbar — übereinander, nicht nebeneinander Basisplan der Stand, auf den sich beide Seiten geeinigt haben Aktueller Stand die Wirklichkeit — 110 Balkenlängen später Die Lücke zwischen beiden ist die einzige Zahl, über die es sich zu reden lohnt. Wer den Basisplan überschreibt, statt ihn stehen zu lassen, hat kein Diagramm mehr, sondern eine Chronik. Lesen Sie die beiden Spalten oben gegeneinander. Die rechte untere Zeile ist der Grund, warum Kapitel 5.2 existiert: Wartezeit ist im Gantt unsichtbar und auf einem Board die auffälligste Spalte.
Die linke Spalte ist der Grund, warum es dieses Werkzeug gibt. Die rechte ist der Grund, warum es allein nicht reicht.

Was es ebenso zuverlässig verbirgt

Und nun die andere Spalte, die in Schulungen fast immer fehlt. Ein Gantt-Diagramm verbirgt drei Dinge nicht aus Nachlässigkeit, sondern konstruktionsbedingt: Es hat für sie keinen Ort.

Wie ausgelastet die Menschen wirklich sind. Ein Balken sagt nichts darüber, ob dieselbe Person gleichzeitig in drei anderen Balken steckt. Im Mittelstand ist das kein Randfall, sondern die Regel: Die Konstruktionsleiterin, die in Ihrem Plan zwei Wochen für die Freigabe hat, hat im selben Zeitraum die Serienbetreuung und ein zweites Projekt. Der Plan sieht dennoch entspannt aus, weil jeder Balken für sich betrachtet großzügig bemessen ist. Was dabei rechnerisch passiert und warum aus «50 Prozent» nie ein halber Mensch wird, steht in 3.3.

Wie fertig ein laufender Balken ist. Ein Balken, der zu 60 Prozent hinter sich liegt, sagt nichts darüber, ob 60 Prozent der Arbeit getan sind. Die verstrichene Zeit ist objektiv messbar, der Arbeitsfortschritt ist eine Schätzung — und beide werden in derselben Balkenfarbe dargestellt. Genau hier entsteht der bekannte Effekt, dass ein Vorgang monatelang bei «90 Prozent» steht. Das einzige wirksame Gegenmittel ist keine feinere Prozentskala, sondern kleinere Pakete mit einem prüfbaren Fertigstellungskriterium: Ein Arbeitspaket, das länger als ein bis zwei Wochen dauert, meldet seinen Verzug erst, wenn Gegensteuern nicht mehr hilft.

Worauf gerade gewartet wird. Das ist der teuerste der drei blinden Flecken. Wartezeit hat keinen Balken. Wenn die Berechtigungsmatrix seit vierzehn Tagen beim Fachbereich liegt, wenn das Zeiterfassungs-Modul seit sechsundzwanzig Tagen beim Betriebsrat liegt, wenn ein Nachtrag seit neun Tagen auf eine Unterschrift wartet — dann steht das in keinem Balken. Es steht in keiner Spalte, es hat keine Farbe und es hat keinen Verantwortlichen. Sichtbar wird es erst in dem Moment, in dem der nachgelagerte Vorgang nicht beginnen kann, und das ist per Definition zu spät.

Das ist kein Fehler des Werkzeugs, sondern seine Bauart: Ein Gantt-Diagramm bildet Arbeit ab, und Warten ist keine Arbeit. Man braucht dafür ein zweites Bild, in dem Warten eine eigene Spalte hat — 5.2 beschreibt es. Diese eine Verbindung ist der Grund, warum die beiden Werkzeuge in diesem Kapitel nebeneinanderstehen und nicht gegeneinander.

Die zwei Linien — übereinander, nicht nebeneinander

Ein Gantt-Diagramm mit nur einer Linie ist ein Wunschbild. Brauchbar wird es erst mit zweien: dem Basisplan — dem Stand, auf den sich beide Seiten geeinigt haben — und dem aktuellen Stand. Entscheidend ist, dass beide übereinander gezeichnet werden und nicht nebeneinander in zwei Dateien liegen. Die Lücke zwischen ihnen ist die einzige Zahl, über die es sich in einer Statusrunde zu reden lohnt.

Wer den Basisplan überschreibt, statt ihn stehen zu lassen, hat kein Diagramm mehr, sondern eine Chronik. Der Satz klingt streng und ist es auch. Ein fortlaufend nachgezogener Plan sieht in jeder Woche pünktlich aus, weil die Referenz jedes Mal mitwandert. Am Ende steht ein Dokument, das jede Verschiebung als geplant ausweist — und niemand kann mehr sagen, wann welche Zusage aufgegeben wurde und warum.

Praktisch hat das zwei Folgen. Erstens organisatorisch: Der Basisplan wird einmal eingefroren, wenn der Umfang steht, und danach nur noch bei einem beschlossenen Änderungsvorgang neu gesetzt — mit Datum, Grund und Zeichnung. Wie ein solcher Beschluss zustande kommt, steht in 2.3; wie der ursprüngliche Terminplan überhaupt entsteht, in 3.2. Zweitens vertraglich: Ohne stehengebliebenen Ausgangsstand haben Sie keinen Nachweis dafür, dass sich etwas geändert hat — und damit keine Grundlage für einen Nachtrag. Die Mehrarbeit wird trotzdem geleistet; sie bleibt nur im ursprünglichen Preis stecken. Warum eine feste Bezugsgröße auch bei der 2.2 beschriebenen Dokumentenkette die Voraussetzung von allem ist, gilt hier unverändert.

Praktisch: woran Sie ein brauchbares Werkzeug erkennen

Für die Auswahl gilt eine sehr schlichte Prüfung, und sie hat mit Herstellern nichts zu tun. Kann Ihr Werkzeug den kritischen Pfad nicht anzeigen, haben Sie keinen Terminplan, sondern eine Liste von Daten. Ohne diese Anzeige fehlt Ihnen genau die Information, für die Sie das Diagramm überhaupt führen: welche Verzögerung den Endtermin verschiebt und welche nicht.

Drei weitere Prüfungen im selben Geist, ebenfalls herstellerunabhängig. Erstens: Lässt sich ein Basisplan speichern und dauerhaft mitzeichnen? Wenn nicht, ist der zweite Abschnitt dieser Seite nicht umsetzbar. Zweitens: Lassen sich echte Abhängigkeiten pflegen — also verschiebt sich der Nachfolger automatisch mit, wenn der Vorgänger rutscht? Ein Diagramm, in dem Balken nur nebeneinander liegen, rechnet nichts, es malt. Drittens: Können Sie das Diagramm in unter fünf Minuten aktualisieren? Ein Plan, dessen Pflege einen halben Tag kostet, wird monatlich gepflegt und ist damit dreieinhalb Wochen lang falsch.

Ein Wort zur Detailtiefe, weil sie regelmäßig überzogen wird. Ein Diagramm mit zweihundert Zeilen ist nicht genauer, sondern nur teurer in der Pflege — und es verbirgt den kritischen Pfad zwischen lauter Nebensächlichkeiten. Planen Sie so grob, wie Sie noch steuern können, und so fein, dass ein Verzug binnen zwei Wochen auffällt. Alles darüber hinaus ist Dekoration, die Sie jede Woche neu bezahlen.

So sieht das in AB aus

In AB Projects entsteht die Gantt-Sicht nicht als eigenes Dokument, sondern aus den Vorgängen selbst: Vorgänge mit Start- und Fälligkeitsdatum erscheinen als Zeitleiste, Teilvorgänge mit aggregiertem Fortschritt bilden die Hierarchie des Projektstrukturplans ab, und Abhängigkeiten machen sichtbar, was mitrutscht. Der praktische Vorteil daran ist nicht die Darstellung, sondern dass es nur einen Bestand gibt: Wer den Vorgang schließt, aktualisiert damit den Plan, ohne ihn zu öffnen.

Für den Basisplan genügt eine Konvention, die Sie ausnahmslos durchhalten: Beim Einfrieren legen Sie eine Wiki-Seite «Basisplan, Stand TT.MM.» mit den vereinbarten Terminen an und verlinken sie im Kick-off-Protokoll. Ändert sich später ein Termin, wird nicht die Seite überschrieben, sondern eine neue mit neuem Datum angelegt und die alte verlinkt stehengelassen. Das ist unelegant und im Streitfall Gold wert.

Und die wichtigste Ergänzung, die dieses Kapitel verlangt: Legen Sie für jede Wartesituation einen eigenen Vorgang an — Titel «Wartet auf …», Verantwortlicher ist die Person, auf die gewartet wird, Fälligkeitsdatum ist der Tag, an dem die Antwort spätestens gebraucht wird. Damit bekommt Wartezeit den Balken, den ein Gantt-Diagramm ihr nicht gibt, und der Kommentarverlauf liefert später datiert die Antwort auf die Frage, seit wann etwas liegt.

Begriffe auf dieser Seite

Gantt-Diagramm
Balken auf einer Zeitachse: Reihenfolge, Termine, Abhängigkeiten und der kritische Pfad. Ausführlich
Basisplan
Der eingefrorene Planstand, gegen den später gemessen wird — nicht der aktuelle. Ausführlich
Kritischer Pfad
Die Kette von Vorgängen ohne Puffer — jede Verzögerung darauf verschiebt den Endtermin. Ausführlich
Abhängigkeit
Die Bedingung, dass ein Vorgang erst beginnen kann, wenn ein anderer geliefert hat. Ausführlich
Puffer
Die eingeplante Reserve — sinnvoll nur, wenn sie benannt ist und nicht in den Vorgängen versteckt. Ausführlich
Meilenstein
Ein Zeitpunkt ohne Dauer, an dem ein prüfbarer Zustand erreicht sein muss. Ausführlich
Projektstrukturplan
Die Zerlegung des Vorhabens bis auf Arbeitspakete, die je einer Person, einem Termin und einem Budget gehören. Ausführlich
Fortschritt
Der erreichte Anteil an der Arbeit — nicht der verstrichene Anteil an der Zeit. Ausführlich
Fertigstellungskriterium
Die vorab vereinbarte, überprüfbare Bedingung, unter der etwas als fertig gilt. Ausführlich
Auslastung
Der Anteil der verfügbaren Zeit, der tatsächlich für das Projekt zur Verfügung steht. Ausführlich
Änderung
Jede Abweichung vom festgeschriebenen Stand — erkennbar nur, wenn es einen solchen gibt. Ausführlich
Kanban-Board
Spalten für den Zustand einer Aufgabe — mit einer Grenze für das, was gleichzeitig in Arbeit ist. Ausführlich

Weiterlesen

5.2 Kanban-Board

Die Spalte, in der die Wartezeit endlich einen Namen und eine Zahl bekommt.

3.2 Zeitplan erstellen

Kritischer Pfad, Puffer — und ein Vorgang, dessen Ende sich nicht planen lässt.

3.3 Ressourcen zuweisen

Warum ein Balken nichts über die Auslastung der Person darin sagt.


Veröffentlicht am: 2026-04-28 Zuletzt aktualisiert am: 2026-07-29

Fragen & Antworten

Haben Sie eine Frage zu diesem Thema? Stellen Sie sie unten — keine Anmeldung nötig. Das Team prüft und beantwortet Fragen hier.

Noch keine Fragen — stellen Sie die erste.

Eine Frage stellen

Wir senden eine einmalige E-Mail zur Bestätigung Ihrer Adresse. Fragen erscheinen nach einer kurzen Prüfung.