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Den Zeitplan erstellen — der kritische Pfad ist keine Rangliste
Ein Terminplan ist erst dann einer, wenn er zeigt, welche Verzögerung den Endtermin verschiebt und welche nicht. Genau dafür gibt es den kritischen Pfad — der nichts mit Wichtigkeit zu tun hat, sondern schlicht die Vorgänge benennt, bei denen ein Tag Verzug ein Tag Verzug ist. Alles andere hat Puffer. Dazu kommen zwei deutsche Besonderheiten, die jeden Plan verändern: ein Vorgang, dessen Ende sich gesetzlich nicht terminieren lässt, und ein Kalender, der je nach Bundesland ein anderer ist.
DAS WICHTIGSTE AUF DIESER SEITE
- Der kritische Pfad ist keine Rangliste der Wichtigkeit, sondern die Kette der Vorgänge ohne Reserve: ein Tag Verzug dort ist ein Tag Verzug für das Projekt.
- Puffer ist das Einzige, was einen Plan die Wirklichkeit aushalten lässt. Beschleunigen Sie nie einen Vorgang, der welchen hat.
- Die Abnahme ist ein Meilenstein mit Rechtsfolge: Dort beginnt die Gewährleistungsfrist (§ 640 BGB).
- Die Betriebsvereinbarung ist ein Vorgänger ohne planbares Ende: § 87 BetrVG kennt keine Frist, und § 87 Abs. 2 verweist bei Nichteinigung auf die Einigungsstelle, die ebenfalls keine hat. Belastbare Zahlen zur üblichen Dauer gibt es nicht — hier steht deshalb keine.
- Feiertage sind Länderrecht: 10 in Berlin, Bremen, Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein, bis zu 14 (Augsburg). 2026 ist ein schwaches Feiertagsjahr.
Was der kritische Pfad ist — und was er nicht ist
Der Begriff wird im Alltag fast immer falsch verwendet. „Das ist kritisch“ heißt in Besprechungen meist „das ist mir wichtig“. Im Terminplan bedeutet es etwas völlig anderes und viel Präziseres.
Der kritische Pfad ist die Kette verknüpfter Vorgänge ohne Zeitreserve. Jeder Tag Verzug auf dieser Kette ist ein Tag Verzug für das gesamte Projekt. Kein anderer Vorgang kann das auffangen, weil kein anderer Vorgang dazwischenliegt. Umgekehrt gilt: Alles, was nicht auf dem kritischen Pfad liegt, hat Puffer und darf sich in Grenzen verschieben, ohne den Endtermin zu berühren.
Daraus folgt die praktisch wichtigste Konsequenz überhaupt: Einen Vorgang zu beschleunigen, der nicht auf dem kritischen Pfad liegt, bringt keinen einzigen Tag. Überstunden, ein zusätzlicher Monteur, Expressfracht für ein Bauteil — alles wirkungslos, wenn der Vorgang ohnehin zwei Wochen Luft hatte. Prüfen Sie deshalb vor jeder Sondermaßnahme, ob sie am richtigen Vorgang ansetzt. Das ist der einzige Grund, warum Sie den kritischen Pfad überhaupt brauchen, und er ist Grund genug.
Ein zweiter Punkt, der ebenso oft untergeht: Der Puffer ist kein Zeichen schlechter Planung, sondern das Einzige, was einen Plan die Wirklichkeit aushalten lässt. Führen Sie ihn deshalb sichtbar — als eigenen Vorgang oder als ausgewiesene Reserve —, nicht versteckt in den einzelnen Vorgangsdauern. Versteckter Puffer wird immer verbraucht, weil niemand weiß, dass es ihn gibt.
Der Ablauf im Bild — von der Freigabe bis zur Abnahme
Die Abbildung zeigt einen typischen Terminplan aus einer Systemeinführung im Mittelstand. Die orangen Balken bilden zusammen eine durchgehende Kette: Lastenheft und Freigabe ganz vorn, danach das Pflichtenheft, darauf aufbauend die Konfiguration, und am Ende Datenübernahme und Test. Jeder dieser Vorgänge kann erst beginnen, wenn der vorige weit genug ist — die Verbindungslinien im Bild sind kein Schmuck, sondern der eigentliche Inhalt des Plans.
Der blaue Balken ist die Schnittstelle zum Fremdsystem, und er ist das Gegenbeispiel: Er hat zwei Wochen Puffer. Das heißt konkret, dass der Dritte zwei Wochen später liefern darf, ohne dass sich am Endtermin etwas ändert — und es heißt ebenso konkret, dass ab dem fünfzehnten Tag jeder weitere Tag voll durchschlägt. Genau diese Grenze ist die Information, für die Sie den Plan bauen. Ohne sie eskalieren Sie entweder zu früh oder zu spät.
Am Ende steht die Abnahme als Meilenstein, also als Termin ohne Dauer. Sie ist der wichtigste Punkt des ganzen Plans, weil an ihr nicht nur die Fertigstellung hängt, sondern eine Rechtsfolge: Mit der Abnahme nach § 640 BGB beginnt die Gewährleistungsfrist zu laufen. Was an diesem Tag im Protokoll steht — und was nicht —, wirkt Jahre weiter. Die vollständige Mechanik der Abnahme steht in 2.4.
Der Vorgang, dessen Ende Sie nicht planen können
Der hellorange Balken in der Abbildung ist der ehrlichste Teil dieser Seite. Er steht für die Betriebsvereinbarung — und er hat absichtlich kein Ende.
Der Hintergrund: Wo eine technische Einrichtung eingeführt wird, die geeignet ist, Verhalten oder Leistung der Beschäftigten zu überwachen, hat der Betriebsrat nach § 87 BetrVG ein echtes Mitbestimmungsrecht. Das ist kein Anhörungsrecht und keine Höflichkeit: Ohne Einigung darf die Einführung nicht erfolgen. Das betrifft in der Praxis fast jedes ERP-, MES- und Zeiterfassungsprojekt, oft auch Instandhaltungs- und Qualitätssysteme.
Und jetzt der Punkt, um den es hier geht: § 87 BetrVG setzt für diese Verhandlung keine Frist. Kommt keine Einigung zustande, entscheidet nach § 87 Abs. 2 BetrVG die Einigungsstelle — und auch für deren Verfahren gibt das Gesetz keine Dauer vor. Es gibt damit im Gesetz keinen Punkt, an dem dieser Vorgang spätestens endet.
Zur üblichen Dauer in der Praxis kursieren Zahlen. Wir drucken hier keine, weil sich keine belastbare öffentliche Datengrundlage dazu finden lässt — weder eine amtliche Statistik noch eine methodisch nachvollziehbare Erhebung. Eine erfundene Faustregel wäre an dieser Stelle schlimmer als gar keine, weil sie in einen Terminplan wandert und dort wie eine Tatsache aussieht.
Die terminplanerische Konsequenz ist trotzdem eindeutig, und sie ist der eigentliche Ertrag dieses Abschnitts: Ein Vorgang, den Sie nicht beenden können, muss zuerst beginnen — nicht zuletzt. Setzen Sie die Unterrichtung des Betriebsrats in die erste Projektwoche, nicht in die Woche vor dem Go-live. Sie können die Dauer nicht steuern, aber Sie können den Startzeitpunkt steuern, und das ist der gesamte verfügbare Hebel. Wer diesen Vorgang hinten anstellt, hat einen Endtermin, der von etwas abhängt, das keine Frist kennt.
Praktisch heißt das außerdem: Führen Sie den Vorgang sichtbar im Plan, auch ohne Enddatum. Ein Balken mit offenem Ende ist unangenehm anzusehen und genau deshalb richtig — er zwingt das Lenkungsgremium, sich mit der Abhängigkeit zu befassen, statt sie erst im Oktober zu entdecken.
Der Kalender, gegen den Sie planen
Feiertage sind Länderrecht. Nur der 3. Oktober ist bundeseinheitlich geregelt; alles andere steht in den Feiertagsgesetzen der Länder. Die Spanne reicht von 10 gesetzlichen Feiertagen in Berlin, Bremen, Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein bis zu 14 in Augsburg. Sagen Sie bewusst „bis zu 14 (Augsburg)“ und nicht „Bayern hat 14“: Mariä Himmelfahrt gilt in Bayern nur in überwiegend katholischen Gemeinden, hängt also von der Gemeinde ab, und das Augsburger Friedensfest am 8. August gilt ausschließlich in Augsburg.
Für ein Projekt an zwei Standorten folgt daraus etwas sehr Schlichtes: Sie planen gegen zwei Kalender, nicht gegen einen. Ein Meilenstein, der am Standort A ein normaler Donnerstag ist, kann am Standort B ein Feiertag sein — und die Abnahmebegehung, zu der die halbe Mannschaft fehlt, ist eine der peinlichsten und vermeidbarsten Terminverschiebungen überhaupt.
2026 ist ein schwaches Feiertagsjahr. Vier gesetzliche Feiertage fallen auf einen Samstag — der 15.08., der 03.10., der 31.10. und der 26.12. — und der 01.11. fällt auf einen Sonntag. Für die Kapazitätsrechnung heißt das: In diesem Jahr gewinnen Sie Arbeitstage gegenüber einem durchschnittlichen Jahr. Für die Stimmung im Team heißt es das Gegenteil, und es lohnt sich, das bei der Urlaubsplanung mitzudenken.
Die Brückentage 2026 sind Freitag, der 02.01., Montag, der 05.01., Freitag, der 15.05., und Freitag, der 05.06. Wichtig ist die Einschränkung: Der Januar-Effekt (Heilige Drei Könige) und der Juni-Effekt (Fronleichnam) treten nur dort auf, wo diese Tage gesetzliche Feiertage sind. Rechnen Sie an diesen vier Tagen mit erhöhten Urlaubsanträgen und legen Sie keine Meilensteine darauf. Zur Orientierung im Frühjahr: Ostersonntag 2026 ist der 5. April.
Tragen Sie die Feiertage der beteiligten Standorte in den Projektkalender ein, bevor Sie Termine zusagen. Das kostet eine halbe Stunde und ist die billigste Fehlervermeidung im ganzen Kapitel.
Markieren Sie den kritischen Pfad — sonst haben Sie keinen Plan
Die praktische Anweisung dieser Seite ist ein einziger Satz: Markieren Sie den kritischen Pfad in dem Werkzeug, das Sie ohnehin benutzen. Welches das ist, spielt keine Rolle. Entscheidend ist, dass die Kette sichtbar wird und dass sie sich mitbewegt, wenn Sie einen Vorgang verschieben.
Und der Umkehrschluss, so unbequem er ist: Wenn Ihr Werkzeug den kritischen Pfad nicht darstellen kann — weil es keine Abhängigkeiten kennt —, dann haben Sie keinen Zeitplan, sondern eine Liste von Datumsangaben. Das kann für ein sehr kleines Vorhaben genügen. Für ein Projekt mit mehreren Gewerken, einem Dritten und einer Abnahme genügt es nicht, und der Unterschied fällt genau dann auf, wenn es zu spät ist, ihn nachzuholen.
So sieht das in AB aus
In AB Projects legen Sie die Vorgänge mit Start- und Endtermin an und pflegen vor allem die Verknüpfungen — sie sind der Teil, der bei Zeitdruck als Erstes weggelassen wird und der als Einziger unersetzlich ist. Erst mit ihnen zeigt Ihnen die Zeitplanansicht, was eine Verzögerung tatsächlich kostet.
Die Abnahme legen Sie als Meilenstein an, nicht als Aufgabe. Meilensteine haben ein Datum, das man später zitieren kann; Aufgaben haben eine Dauer, die man später streckt. Für die Betriebsvereinbarung legen Sie einen Vorgang mit Startdatum und ohne Enddatum an, mit dem Betriebsratsvorsitz als Beteiligtem und einer festen Wiedervorlage — so bleibt die offene Frist im Blick, statt einmal erwähnt und dann vergessen zu werden.
Und tragen Sie den Puffer als eigenen, benannten Vorgang ein statt als stillen Aufschlag auf jede Dauer. Ein sichtbarer Puffer lässt sich bewusst zuteilen; ein unsichtbarer wird verbraucht, bevor jemand merkt, dass er verhandelt wurde.
Begriffe auf dieser Seite
- Kritischer Pfad
- Die Kette von Vorgängen ohne Reserve: Ein Tag Verzug dort ist ein Tag Verzug für das ganze Projekt. Ausführlich
- Abhängigkeit
- Die Beziehung, die erklärt, warum eine Verzögerung Wochen später an ganz anderer Stelle auftaucht. Ausführlich
- Gantt-Diagramm
- Vorgänge als Balken auf einer Zeitachse — der Wert liegt in den Verbindungslinien, nicht in den Balken. Ausführlich
- Puffer
- Bewusst eingeplante Reserve — sichtbar geführt, nicht in einzelnen Vorgängen versteckt. Ausführlich
- Meilenstein
- Ein Termin ohne Dauer, an dem etwas nachprüfbar erreicht sein muss. Ausführlich
- Schätzung
- Eine begründete Annahme über Aufwand oder Dauer — mit Bandbreite, nicht als Einzelwert. Ausführlich
- Betriebsrat
- Das Gremium mit echten Mitbestimmungsrechten — nicht nur einer Meinung. Ausführlich
- Betriebsvereinbarung
- § 77 BetrVG: gilt unmittelbar und zwingend für alle betroffenen Arbeitsverhältnisse. Ausführlich
- Abnahme
- Die Erklärung, das Werk im Wesentlichen als vertragsgemäß anzuerkennen — mit vier Rechtsfolgen zugleich. Ausführlich
- Gewährleistung
- Die Mängelhaftung nach der Abnahme; die Frist richtet sich nach § 634a BGB. Ausführlich
- Basisplan
- Der festgeschriebene Planstand, gegen den spätere Abweichungen gemessen werden. Ausführlich
Weiterlesen
3.3 Ressourcen zuweisen
Von 261 Arbeitstagen zu der Zahl, mit der Sie wirklich planen.
3.4 Risikomanagement-Plan
Fünf Risiken mit Frühwarnsignal schlagen vierzig ohne.
2.4 Abschlussphase
Ein Moment, vier Rechtsfolgen — und die Frist, die an diesem Tag beginnt.