Kapitel 10 · 10.1 ZurĂŒck zu 10.0
10.1 Weiterlernen â fĂŒnf Quellen und was jede nicht gibt
Weiterlernen scheitert selten am Willen und fast immer an der falschen Erwartung: Man nimmt sich eine Quelle vor, die etwas ganz anderes liefert als das, was gerade fehlt, und hĂ€lt den ausbleibenden Nutzen anschlieĂend fĂŒr eigenes Versagen. Diese Seite stellt deshalb fĂŒnf Quellen nebeneinander und schreibt zu jeder beides hin â was sie gibt und was sie ausdrĂŒcklich nicht gibt. Die am meisten unterschĂ€tzte darunter kostet nichts, liegt bereits auf Ihrem Schreibtisch und trifft genau Ihr Risiko: Ihr eigener Vertrag. Dazu kommt eine Schleife, die Sie selbst betreiben â eine Seite alle drei Monate mit genau zwei Fragen â, und ein Hinweis auf das Normwerk, das man einmal gesehen haben sollte.
DAS WICHTIGSTE AUF DIESER SEITE
- Jede Quelle gibt etwas und gibt etwas anderes nicht. Der ĂŒbliche Frust entsteht nicht aus schlechten Quellen, sondern daraus, dass man von einer Quelle etwas erwartet, was eine andere liefert.
- Die unterschĂ€tzte Quelle ist Ihr eigener Vertrag. Er kostet nichts, ist exakt auf Ihr Risiko zugeschnitten â und fast niemand liest ihn ganz. Drei Klauseln genĂŒgen fĂŒr den Anfang: Abnahme, Ănderung, Vertragsstrafe.
- Die Abnahme nach § 640 Abs. 1 BGB verĂ€ndert vier Dinge auf einmal â FĂ€lligkeit, GefahrĂŒbergang, VerjĂ€hrungsbeginn und den Verlust bekannter MĂ€ngelrechte. Wer den Zeitpunkt nicht kennt, kennt vier Dinge gleichzeitig nicht.
- Betreiben Sie eine eigene Schleife: eine Seite alle drei Monate mit genau zwei Fragen â welche SchĂ€tzung lag daneben und um wie viel, und was habe ich zu spĂ€t erfahren, das ich frĂŒher hĂ€tte wissen können.
- Ein Buch oder ein Lehrgang zu Ende gebracht schlĂ€gt drei begonnene. Und einmal gesehen haben sollte man DIN 69901 in der Fassung 2009-01 â schon damit Sie wissen, worauf sich jemand beruft, der sich darauf beruft.
Warum Weiterlernen an der Erwartung scheitert
Der typische Verlauf sieht so aus: Jemand merkt, dass ihm in seiner Rolle etwas fehlt, kauft ein Buch, arbeitet die ersten sechzig Seiten durch und legt es weg â nicht weil das Buch schlecht wĂ€re, sondern weil es das Fehlende nicht liefert. Wer sich unsicher fĂŒhlt, weil er in der Runde mit dem Einkauf nicht weiĂ, was «Nachtragsangebot» genau auslöst, findet in einem Methodenbuch nichts, was diese Unsicherheit auflöst. Und wer keine Sprache fĂŒr das hat, was er tut, kommt mit noch so viel Projektpraxis nicht weiter, weil Praxis keine Begriffe erzeugt.
Aus dieser Beobachtung folgt eine einfache Vorgehensweise: Bestimmen Sie zuerst, welche Art von LĂŒcke Sie haben, und wĂ€hlen Sie danach die Quelle. Es gibt im Wesentlichen drei Arten. Die erste ist eine SprachlĂŒcke â Sie tun bereits das Richtige, können es aber nicht benennen und deshalb auch nicht verhandeln. Die zweite ist eine ErfahrungslĂŒcke â Sie kennen die Begriffe, haben aber den Fall noch nie erlebt und wissen nicht, wie er sich anfĂŒhlt, wenn er beginnt. Die dritte ist eine RisikolĂŒcke â Sie wissen weder, was Sie vertraglich schulden, noch, welche Fristen fĂŒr Sie laufen.
Die drei brauchen völlig unterschiedliche Quellen, und Verwechslungen sind teuer: Ein Lehrgang schlieĂt keine RisikolĂŒcke, ein Vertragsstudium keine SprachlĂŒcke, und Erfahrung entsteht in keinem von beiden. Die folgende Abbildung ordnet fĂŒnf Quellen genau danach. Achten Sie beim Lesen besonders auf die rechte Spalte â sie ist die eigentliche Botschaft der Tabelle, denn dort steht jeweils, wofĂŒr die Quelle nicht zustĂ€ndig ist. Und achten Sie auf die dritte Zeile: Sie ist die unterschĂ€tzte.
Die fĂŒnf Quellen im Einzelnen
Erstens: Ihr laufendes Projekt. Es ist die einzige Quelle, deren Erkenntnisse zu hundert Prozent auf Ihr Haus passen â auf seine Gremien, seine Freigabewege, seine VertrĂ€ge, seine ungeschriebenen Regeln. Das ist ein gröĂerer Vorteil, als er klingt, denn allgemeine RatschlĂ€ge scheitern in der Praxis fast immer an einer lokalen Besonderheit, die im Buch nicht vorkommt. Die Bedingung steht in der Abbildung mit: wenn die Erkenntnisse in Woche 1 entstehen. Ein Projekt, aus dem Sie erst am Ende lernen, hat Ihnen zwölf Monate lang nichts beigebracht, sondern nur Material fĂŒr die Auswertung gesammelt. Was es nicht gibt, ist eine gemeinsame Sprache: Wer nur das eigene Haus kennt, hĂ€lt dessen Eigenarten fĂŒr Gesetze und kann auĂerhalb nicht erklĂ€ren, was er tut.
Zweitens: ein fremdes Projekt beobachten. Bitten Sie darum, in der Wochensitzung eines anderen Vorhabens mitzuhören â still, ohne Rolle, ohne Beitrag. Der Nutzen ist eigenartig groĂ und lĂ€sst sich leicht erklĂ€ren: Sie sehen dort dieselben Mechanismen, ohne in sie verstrickt zu sein. Ein Fehler, den Sie selbst machen, kostet Sie Rechtfertigung und Aufregung; derselbe Fehler bei jemand anderem kostet Sie nichts und bleibt trotzdem hĂ€ngen. Was fehlt, ist genau dieses Gewicht: Beobachtetes verfestigt sich schlechter als Erlebtes, weil kein Preis daran hĂ€ngt. Beobachtung ergĂ€nzt Erfahrung, sie ersetzt sie nicht.
Drittens: Ihren eigenen Vertrag lesen. Das ist die Quelle, um die es auf dieser Seite hauptsĂ€chlich geht, und sie bekommt gleich einen eigenen Abschnitt. Vorweg nur die MerkwĂŒrdigkeit: Sie ist kostenlos, sofort verfĂŒgbar und maĂgeschneidert â und wird trotzdem am seltensten genutzt. Was sie nicht gibt, ist alles, was mit Menschen zu tun hat. Kein Vertrag sagt Ihnen, wie Sie eine schlechte Nachricht ĂŒberbringen oder ein blockiertes Team wieder in Gang bringen.
Viertens: ein Buch oder ein Lehrgang. BĂŒcher und LehrgĂ€nge liefern Struktur und Namen â sie geben Ihnen Begriffe fĂŒr Dinge, die Sie lĂ€ngst spĂŒren, aber nicht sagen können. Das ist keine Kleinigkeit: Ein Sachverhalt, fĂŒr den es ein Wort gibt, lĂ€sst sich in einer Sitzung ansprechen; einer ohne Wort bleibt ein Unbehagen. Was ein Buch nicht liefert, ist die FĂ€higkeit, den Stoff unter den ZwĂ€ngen Ihres Hauses anzuwenden â mit einem Auftraggeber, der nicht antwortet, einem Team in Doppelrolle und einer Freigabekette mit vier Unterschriften.
FĂŒnftens: ein Zertifikat. Es gibt gemeinsames Vokabular und lĂ€sst Sie automatische Filter passieren â in Ausschreibungen und Konzernbeziehungen ist es teils schlicht ein Zulassungskriterium. Was es nicht gibt, ist ein Beleg dafĂŒr, dass Sie ein schweres Projekt zu Ende gebracht haben; das kann nur das Projekt selbst. Welche Systeme es gibt, was sie voraussetzen und in welcher Reihenfolge sich das lohnt, steht in 10.2 Zertifikate.
Die unterschÀtzte Quelle: Ihr eigener Vertrag
Es gibt eine Stunde, die im Projektmanagement einen höheren Ertrag hat als jede andere, und sie kostet nichts: Ihren eigenen Vertrag ganz zu lesen. Nicht die Zusammenfassung, nicht die PrĂ€sentation des Vertriebs, nicht das, was Ihnen im Kick-off gesagt wurde â den Text.
Der Grund, warum es fast niemand tut, ist nachvollziehbar: VertrĂ€ge sind unangenehm zu lesen, sie sind nicht an Projektleitungen adressiert, und es fĂŒhlt sich nach einer Aufgabe an, fĂŒr die jemand anderes zustĂ€ndig ist. Genau darin liegt der Fehler. Der Vertrag bestimmt Ihren Alltag mehr als jede Methodenwahl â er legt fest, was «fertig» heiĂt, wann Geld flieĂt, wer welches Risiko trĂ€gt und was passiert, wenn ein Termin reiĂt. Wer ihn nicht kennt, steuert ein Projekt nach Annahmen.
Der wichtigste Anker ist die Abnahme. Nach § 640 Abs. 1 BGB ist der Besteller verpflichtet, das vertragsgemÀà hergestellte Werk abzunehmen; wegen unwesentlicher MÀngel kann er die Abnahme nicht verweigern. Diese ErklÀrung ist kein Termin im Kalender und keine Formalie, sondern der Punkt, an dem sich vier Dinge gleichzeitig Àndern:
Die VergĂŒtung wird fĂ€llig (§ 641 Abs. 1 BGB). Beim Werkvertrag entsteht die FĂ€lligkeit nicht durch Rechnungsstellung und nicht durch Zeitablauf, sondern durch die Abnahme. Wer sie verschleppt, verschleppt seinen eigenen Zahlungseingang â und das ist der hĂ€ufigste Fall, in dem ein Projekt liquiditĂ€tsseitig teuer wird, obwohl technisch alles fertig ist.
Die Gefahr geht ĂŒber (§ 644 Abs. 1 BGB). Bis zur Abnahme trĂ€gt der Unternehmer die Gefahr; danach der Besteller. Wenn also nach der Abnahme etwas zerstört wird oder verloren geht, ohne dass jemand es zu vertreten hat, liegt das Risiko nicht mehr bei Ihnen. Das ist einer der GrĂŒnde, warum eine Teilabnahme fĂŒr fertige Abschnitte kein bĂŒrokratischer Selbstzweck ist.
Die VerjĂ€hrung der MĂ€ngelansprĂŒche beginnt (§ 634a Abs. 2 BGB). Die GewĂ€hrleistungsfrist betrĂ€gt nach § 634a BGB zwei Jahre, bei einem Bauwerk fĂŒnf â und eine Maschine, die fest mit einem GebĂ€ude verbunden ist, kann als Bauwerk gelten. Im Maschinen- und Anlagenbau sind die zwei Jahre deshalb nie automatisch die richtige Antwort. Sie beginnt zu laufen mit der Abnahme, weshalb ein hinausgezögerter Abnahmezeitpunkt Ihre Haftung nach hinten schiebt.
Bekannte MĂ€ngel gehen verloren, wenn sie nicht vorbehalten werden (§ 640 Abs. 3 BGB). Nimmt der Besteller ab, obwohl er einen Mangel kennt, stehen ihm die Rechte aus § 634 Nr. 1 bis 3 insoweit nur zu, wenn er sich diese bei der Abnahme vorbehĂ€lt. Das ist der eigentliche Zweck einer MĂ€ngelliste im Abnahmeprotokoll: Sie hĂ€lt fest, was ausdrĂŒcklich nicht mit abgenommen wurde.
Eine Nebenbemerkung, die hĂ€ufig falsch weitergegeben wird: Die Umkehr der Beweislast nach der Abnahme folgt nicht aus § 640 BGB. Sie ergibt sich aus § 363 BGB in Verbindung mit stĂ€ndiger Rechtsprechung. Wer sie § 640 zuschreibt, wird in der ersten Runde mit einer Rechtsabteilung korrigiert â und verliert damit die Aufmerksamkeit fĂŒr die Punkte, in denen er recht hatte.
Die fiktive Abnahme. Seit dem 1. Januar 2018 gilt § 640 Abs. 2 BGB: Setzt der Unternehmer dem Besteller nach Fertigstellung eine angemessene Frist zur Abnahme und verweigert dieser die Abnahme nicht innerhalb dieser Frist unter Angabe mindestens eines Mangels, gilt das Werk als abgenommen. Ein einziger benannter Mangel verhindert diese Wirkung â es kommt nicht darauf an, dass er wesentlich ist. Ist der Besteller Verbraucher, tritt die Wirkung nach Satz 2 nur ein, wenn er zusammen mit der Fristsetzung in Textform auf die Folgen hingewiesen wurde. Diese fiktive Abnahme ist ein Werkzeug gegen das hĂ€ufigste Muster im Projektende: Es passiert nichts, niemand nimmt ab, niemand widerspricht, und der Zustand bleibt monatelang in der Schwebe.
Und die Vertragsstrafe. Nach § 339 BGB verfĂ€llt eine fĂŒr den Fall der NichterfĂŒllung oder nicht gehöriger ErfĂŒllung versprochene Vertragsstrafe, wenn der Schuldner in Verzug kommt. Hier ist ein weit verbreiteter Irrtum auszurĂ€umen: Die vielzitierte Grenze von fĂŒnf Prozent ist keine gesetzliche Obergrenze. Sie stammt aus der Rechtsprechung zum Recht der Allgemeinen GeschĂ€ftsbedingungen â Grundlage ist das Urteil des Bundesgerichtshofs vom 23. Januar 2003 (VII ZR 210/01). FĂŒr individuell ausgehandelte Vertragsstrafen gilt sie nicht.
Zwei praktische Folgerungen daraus. Erstens: Ist eine Vertragsstrafenklausel in Allgemeinen GeschĂ€ftsbedingungen unwirksam, fĂ€llt sie ganz weg; eine geltungserhaltende Reduktion auf ein zulĂ€ssiges MaĂ findet nicht statt. Das ist fĂŒr beide Seiten wichtig â wer eine zu scharfe Klausel stellt, steht am Ende ohne Vertragsstrafe da. Zweitens kommt es nicht nur auf den Prozentsatz an, sondern auf die BezugsgröĂe: Der Bundesgerichtshof hat mit Urteil vom 15. Februar 2024 (VII ZR 42/22) eine FĂŒnf-Prozent-Klausel gerade wegen ihrer BezugsgröĂe beanstandet, weil sie an die Auftragssumme im Auftragsschreiben anknĂŒpfte statt an die tatsĂ€chlich erbrachte VergĂŒtung. Beim Lesen Ihrer eigenen Klausel lautet die Frage deshalb immer doppelt: Wie viel Prozent â und wovon?
Machen Sie aus diesem Abschnitt eine Gewohnheit, keine einmalige Aktion: Bei jedem neuen Projekt lesen Sie in der ersten Woche drei Klauseln â Abnahme, Ănderung, Vertragsstrafe â und notieren zu jeder einen Satz in eigenen Worten. Nach drei Projekten kennen Sie die Standardformulierungen Ihres Hauses und erkennen die Abweichung im vierten Vertrag beim Ăberfliegen. Das ist Expertise, die niemand vermitteln kann, weil sie an Ihren VertrĂ€gen hĂ€ngt.
Ihre eigene Schleife: eine Seite alle drei Monate
Alle bisher genannten Quellen sind ZuflĂŒsse von auĂen. Die wirksamste Lernquelle ist aber eine, die Sie selbst betreiben â und sie ist so klein, dass man ihr misstraut: eine Seite, alle drei Monate, mit genau zwei Fragen.
Frage eins: Welche SchĂ€tzung lag daneben, und um wie viel? Nicht «warum» â das kommt spĂ€ter und verfĂŒhrt zu ErklĂ€rungen, die sich gut anhören. Zuerst nur der Betrag. Sie suchen sich aus dem Quartal zwei oder drei SchĂ€tzungen heraus, deren tatsĂ€chliches Ergebnis inzwischen bekannt ist, und schreiben beides nebeneinander. Nach vier Quartalen haben Sie etwas, das kein Lehrgang liefern kann: Ihre persönliche Abweichungsrichtung. Die meisten Menschen liegen nicht zufĂ€llig daneben, sondern systematisch â fast immer zu optimistisch, und fast immer bei derselben Art von Aufgabe. Wer seinen eigenen Faktor kennt, kann ihn beim nĂ€chsten Mal einrechnen, ohne besser schĂ€tzen zu mĂŒssen.
Frage zwei: Was habe ich zu spĂ€t erfahren, das ich frĂŒher hĂ€tte wissen können? Diese Frage zielt nicht auf Ihr Wissen, sondern auf Ihre Informationswege. Der zweite Halbsatz ist entscheidend: das ich frĂŒher hĂ€tte wissen können. Es geht nicht um Dinge, die niemand ahnen konnte, sondern um solche, die irgendwo im Haus bereits bekannt waren und Sie nicht erreicht haben. Jeder Fall dieser Art zeigt eine LĂŒcke in Ihrem Netz â eine Person, die nicht in der Verteilerliste steht, eine Sitzung, in der Sie nicht sitzen, ein Bericht, den Sie nicht bekommen. Diese LĂŒcken lassen sich schlieĂen, und das SchlieĂen kostet meistens nichts als eine Bitte.
Zwei Bedingungen machen den Unterschied zwischen einer Schleife, die trĂ€gt, und einer, die nach zwei Runden einschlĂ€ft. Erstens: ein fester Termin im Kalender. Eine Gewohnheit ohne Platz in der Woche ist ein Vorsatz â eine vierteljĂ€hrliche erst recht, weil zwischen den Terminen genug Zeit liegt, um sie ganz zu vergessen. Zweitens: Es bleibt bei einer Seite. Sobald daraus ein Bericht wird, wird er aufgeschoben, und aufgeschoben heiĂt in diesem Fall abgeschafft.
Diese private Schleife ersetzt nicht die geordnete Auswertung am Projektende, sondern ergĂ€nzt sie um den Teil, den ein gemeinsamer RĂŒckblick strukturell nicht leisten kann: Sie ist ehrlich, weil sie niemand sonst liest. Wie ein RĂŒckblick mit dem Team ablĂ€uft, ohne in Schuldzuweisungen zu kippen, steht in 7.2 RĂŒckblick und Bewertung; wie aus Erkenntnissen etwas wird, das nach Ihrem Weggang noch auffindbar ist, in 7.3 Wissenstransfer. Der Unterschied in einem Satz: Der RĂŒckblick gehört dem Projekt, die Schleife gehört Ihnen.
BĂŒcher, LehrgĂ€nge und das eine Normwerk
Zu BĂŒchern und LehrgĂ€ngen gibt es genau eine Regel, die sich zu merken lohnt: Eines zu Ende gebracht schlĂ€gt drei begonnene. Das ist keine Moral, sondern eine Beobachtung ĂŒber die Bauweise solcher Werke. Der erste Teil eines Methodenbuchs behandelt fast immer das, was Sie ohnehin schon wissen â Definitionen, Phasen, Rollen. Das NĂŒtzliche steht hinten: SonderfĂ€lle, Konflikte, das, was passiert, wenn die Regel nicht greift. Wer drei BĂŒcher zu je einem Drittel liest, hat drei Mal die Definitionen gelesen und kein einziges Mal den nĂŒtzlichen Teil.
FĂŒr die Auswahl helfen zwei Fragen. Kommt in dem Werk ein Vertrag vor? Werke, die Projektarbeit vollstĂ€ndig ohne Vertragsrecht beschreiben, sind fĂŒr das deutsche ProjektgeschĂ€ft nur halb brauchbar, weil hier fast jede Terminfrage am Ende eine Vertragsfrage ist. Und: Steht darin, was zu tun ist, wenn es schiefgeht? Ein Werk, das nur den geordneten Verlauf beschreibt, hilft genau in der Lage nicht, in der Sie Hilfe suchen.
Bei LehrgĂ€ngen entscheidet weniger der Anbieter als das Format. Ein Lehrgang mit einer Aufgabe zwischen den Terminen wirkt deutlich stĂ€rker als einer, der an zwei Tagen am StĂŒck durchlĂ€uft â nicht wegen des Stoffs, sondern weil Sie dazwischen etwas anwenden mĂŒssen. Und ein Lehrgang, den Sie parallel zu einem laufenden Projekt besuchen, ist einem ohne Projekt weit ĂŒberlegen, weil jeder Inhalt sofort ein Beispiel findet, an dem er andocken kann.
Und ein Normwerk sollten Sie einmal gesehen haben: DIN 69901 in der Fassung 2009-01. Sie besteht aus fĂŒnf Teilen â Grundlagen, Prozesse und Prozessmodell, Methoden, Daten und Datenmodell sowie Begriffe. Der praktische Wert liegt weniger im Inhalt als in der Wirkung auf GesprĂ€che: Wenn jemand in einer Runde «nach DIN» argumentiert, sollten Sie wissen, worauf er sich beruft und was dort tatsĂ€chlich steht.
Ein Beispiel fĂŒr den Nutzen ist der Begriff des Lastenhefts. DIN 69901-5 definiert es als «Vom Auftraggeber festgelegte Gesamtheit der Forderungen an die Lieferungen und Leistungen eines Auftragnehmers innerhalb eines Auftrages». Diese eine Zeile beendet eine erstaunliche Zahl von Diskussionen, weil sie zwei Dinge festhĂ€lt: Das Lastenheft gehört dem Auftraggeber, und es enthĂ€lt Forderungen, nicht Lösungen. Beim Pflichtenheft ist die Lage anders â dort ist die Zuordnung einer verbindlichen Definition umstritten, weshalb es sinnvoller ist, es funktional zu beschreiben: die Antwort des Auftragnehmers darauf, wie er die Forderungen zu erfĂŒllen gedenkt. Wer das so sagt, ist auf der sicheren Seite. Wie beide Dokumente im Ablauf zusammenwirken, steht in 3.1 Umfang definieren.
So sieht das in AB aus
Weiterlernen bleibt nur dann bestehen, wenn es einen Platz in demselben System hat, in dem auch die Arbeit steht. In AB Projects lĂ€sst sich das mit vier kleinen Einrichtungen erledigen, fĂŒr die Sie zusammen keine halbe Stunde brauchen.
Legen Sie die VertragslektĂŒre als feste Aufgabe in jeder Projektvorlage an. Drei VorgĂ€nge, fĂ€llig in der ersten Projektwoche: Abnahmeklausel, Ănderungsklausel, Vertragsstrafenklausel â jeweils mit einem Textfeld fĂŒr Ihren Ein-Satz-Befund. Weil das in der Vorlage steht, entsteht es beim nĂ€chsten Projekt von selbst, und Sie mĂŒssen sich nicht jedes Mal neu dazu entschlieĂen.
Richten Sie einen wiederkehrenden Vorgang «Quartalsseite» ein, mit zwei Pflichtfeldern, die wörtlich die beiden Fragen tragen. Ein Pflichtfeld erzwingt eine Aussage, und genau daran scheitert die Schleife sonst: Nicht das Nachdenken fehlt, sondern der Ort, an dem das Ergebnis landet.
VerknĂŒpfen Sie SchĂ€tzung und Ergebnis an derselben Aufgabe. Wenn geschĂ€tzter und tatsĂ€chlicher Aufwand nebeneinander in einem Feldpaar stehen, brauchen Sie fĂŒr Frage eins Ihrer Quartalsseite nichts zu rekonstruieren â Sie lesen ab. Ohne diese Paarung ist die ehrliche Antwort auf «um wie viel lag ich daneben?» meistens «weiĂ ich nicht mehr», und damit ist die Schleife wertlos.
Und fĂŒhren Sie eine gemeinsame Ablage fĂŒr Befunde, nicht fĂŒr Dokumente. Ein Ordner voller VertrĂ€ge nutzt niemandem; eine Liste mit SĂ€tzen wie «bei diesem Kunden nimmt die Werksleitung ab, nicht der Fachbereich» ist in zwei Jahren Gold wert. Diese SĂ€tze sind der Rohstoff fĂŒr Erkenntnisse aus dem Projekt, die tatsĂ€chlich jemand wiederfindet â der Unterschied zwischen einem Archiv und einem GedĂ€chtnis liegt darin, ob die EintrĂ€ge SĂ€tze oder Dateien sind.
Begriffe auf dieser Seite
- Abnahme
- § 640 Abs. 1 BGB: die Anerkennung des Werkes als im Wesentlichen vertragsgemÀà â mit vier Folgen auf einmal. AusfĂŒhrlich
- Fiktive Abnahme
- § 640 Abs. 2 BGB, seit 1.1.2018: Abnahmewirkung nach Fristablauf â ein einziger benannter Mangel verhindert sie. AusfĂŒhrlich
- Teilabnahme
- Die Abnahme eines abgeschlossenen Abschnitts â verschiebt FĂ€lligkeit, Gefahr und Fristbeginn fĂŒr diesen Teil. AusfĂŒhrlich
- MĂ€ngelliste
- Die Aufstellung der bei der Abnahme vorbehaltenen MĂ€ngel â ohne Vorbehalt gehen bekannte MĂ€ngelrechte verloren. AusfĂŒhrlich
- GewÀhrleistung
- Die Haftung fĂŒr MĂ€ngel nach der Abnahme â § 634a BGB: zwei Jahre, bei einem Bauwerk fĂŒnf. AusfĂŒhrlich
- Vertragsstrafe
- § 339 BGB: die vereinbarte Zahlung bei Verzug â die FĂŒnf-Prozent-Grenze ist AGB-Rechtsprechung, keine gesetzliche Obergrenze. AusfĂŒhrlich
- Werkvertrag
- § 631 BGB: geschuldet ist der Erfolg, nicht die TĂ€tigkeit â der Regelfall im ProjektgeschĂ€ft. AusfĂŒhrlich
- DIN 69901
- Das deutsche Normwerk zum Projektmanagement, Fassung 2009-01, in fĂŒnf Teilen von den Grundlagen bis zu den Begriffen. AusfĂŒhrlich
- Lastenheft
- Nach DIN 69901-5 die vom Auftraggeber festgelegte Gesamtheit der Forderungen an Lieferungen und Leistungen. AusfĂŒhrlich
- Pflichtenheft
- Die Antwort des Auftragnehmers darauf, wie er die Forderungen zu erfĂŒllen gedenkt â funktional beschrieben. AusfĂŒhrlich
- SchÀtzung
- Eine Aussage ĂŒber einen unsicheren Wert â und ausdrĂŒcklich keine Zusage. AusfĂŒhrlich
- Erkenntnisse aus dem Projekt
- Was aus einem Vorhaben so festgehalten wird, dass es im nĂ€chsten wiedergefunden wird â SĂ€tze, keine Dateien. AusfĂŒhrlich
- Doppelrolle
- Projektarbeit neben dem TagesgeschĂ€ft â im Konflikt gewinnt fast immer das TagesgeschĂ€ft. AusfĂŒhrlich
Weiterlesen
10.2 Zertifikate
Drei Systeme im Vergleich â und was sich ĂŒber den deutschen Markt ehrlicherweise nicht sagen lĂ€sst.
7.2 RĂŒckblick und Bewertung
Die geordnete Auswertung am Projektende â ohne dass sie in Schuldzuweisungen kippt.
7.3 Wissenstransfer
Wie aus Erkenntnissen etwas wird, das nach Ihrem Weggang noch jemand findet.